Bye Bye Yangon - Umzug à la Myanmar

Miss you – not?

Der Rückflug ist gebucht und am 19. November werden wir wieder in Frankfurt landen. Nun kommt unsere Zeit in Myanmar also tatsächlich zum Ende.

Ein Hauch einer Bilanz

Yangon ist nicht Myanmar und Myanmar ist nicht Yangon. Yangon ist die größte Stadt des Landes, obwohl es keine Hauptstadt (mehr) ist. Yangon ist zentrale Anlaufstelle für myanmarische Arbeitsuchende, für den Großteil der Expats, für alle Hauptsitze der internationalen Organisationen und Institutionen. Yangon ist auch eine Stadt, in der Motorräder verboten sind, was immer noch ein unglaublicher Pluspunkt ist. Yangon ist auch nach der Regenzeit noch deutlich grüner als die meisten anderen asiatischen Großstädte. Doch Yangon ist auch die größte Stadt des Landes Myanmar, das eine Jahrzente lange Diktatur erlebt hat und sich weiterhin in einer großen Transition befindet.

Transition

Wandel bedeutet, dass viele Welten aufeinandertreffen und sich nicht immer harmonisch vertragen. Anders als in Deutschland gibt es ganz Myanmar keine auch nur annähernd vergleichbare Stadt. In dieser Transition eröffnen Luxushotels und chice Cafés, die sich nur die myanmarische Oberschicht und die gut verdienenden Expatriates leisten können. Hier ziehen aber auch jeden Morgen weiterhin Menschen durch die Straße, die Müllbeutel gegen einen Mini-Lohn bei den Häusern abholen und sich dafür mit lauten Rufen bemerkbar machen (morgens ab 6/6:30). Auch Cafés und Restaurants öffnen, die von Ausländern nicht angepeilt werden, sondern von jungen Studenten und Berufseinsteigern genutzt werden. Oft sind bestimmte Cafés als Pärchen-Orte bekannt, an denen sich diejenigen treffen können, deren Familien keine Beziehung außer einer Ehe akzeptieren.

Wandelnde Wesen zwischen den Welten

Selten gelingt eine Mischung zwischen beiden Welten. So arbeite ich selbst als „Internationale“ in einer myanmarischen, aber international geführten und finanzierten Organisation, die in Yangon verortet ist. Schirmherr ist eine Stiftung in Oslo, Geldgeber sind neben der EU auch 10 Länder wie Japan, Australien, Großbritannien oder die USA. Sie definieren die Strategie des Joint Peace Funds und richten die Organisation so aus, dass sie den myanmarischen Friedensprozess möglichst gut unterstützt. So arbeiten im Büro nur acht Internationale, die die Teams von insgesamt 40 Myanmaris leiten. Ein verrückter Mix.

Zwischenwelten

Auch ich wandel zwischen den Welten. Ich wohne zwar in einem pur myanmarischen Wohnblock in einem buddhistisch-muslimisch-gemischten Wohnviertel, doch zu Hause kochen wir fast ausschließlich deutsches Essen. Und je länger wir in Myanmar verweilen, desto größer ist mein Wunsch nach Geschmäckern wie zu Hause. Deshalb frage ich mich momentan häufig, wo ich denn nun wirklich dazu gehöre. Ich bin irgendwie Expat, also eine Nicht-Myanmarin, die hier lebt, weil sie hier arbeitet. Doch ich verdiene keine 5000 Euro pro Monat wie so einige andere Expats um mich herum. Ich lebe auch nicht im feinsten Viertel, das nur von reichen Myanmaris (oft mit Verbindung zum Militär) oder eben Ausländern bewohnt wird. Ich kann mir keine Miete für 1500 Euro monatlich leisten, wie es immer wieder angepriesen wird.

Gleichaltrig, also gleich?

Auch vom Alter her bin ich so viel näher an meinem Kollegen Paul Oo, der gerade ein Praktikant bei uns macht. Genau wie ich ist er 25 und wohnt sogar nicht mehr zu Hause, obwohl er nicht verheiratet ist. Meine fast gleichaltrige andere Kollegin Ei Ei, die die andere Praktikantin ist, repräsentiert da viel eher die myanmarischen Heranwachsenden. Sie lebt bei ihrer Familie im nördlichsten Norden der Stadt, fährt täglich mit dem Bus ein- bis eineinhalb Stunden in die Stadt und gibt einen Teil ihres 200 Euro Praktikantengehalts an ihre Eltern ab. Sehr gängig. Als ich sie kürzlich fragte, warum sie sich keine günstige Wohnung in der Stadt mit Freunden teilen würde, antwortete sie, dass ihre Eltern ihr dergleichen nie erlauben würden. „Sie haben ein Haus in der Stadt – warum sollte ich nicht bei ihnen wohnen, sagen sie“. Stimmt schon, aber dennoch spürt man stark ihr Streben nach Unabhängigkeit und ihrer ganz eigenen Form der Emanzipation. Auch Ei Ei ist ein wandelndes Wesen zwischen den Welten. Immer chic und ausgewählt gekleidet würde man ihr in Deutschland niemals ansehen, dass sie noch bei ihren Eltern lebt, ihr Praktikantengehalt teilweise abdrücken muss und mit Mitte 20 keine eigenständige Entscheidung treffen darf. Sie würde als wunderbar integrierte Asiatin durchgehen.

Schönes hat seinen Preis

Dass Yangon deutlich teurer als erwartet ist, haben wir schon in Deutschland feststellen müssen, als wir alle auffindbaren Expat-/Wohn-/WG-Facebook-Gruppen nach bezahlbaren Wohnungen durchforsteten. Doch wenn nun immer wieder einmal das fließende Wasser für eine knappe Woche streikt, weil der Hausherr vergessen hat, die Pumpe anzustellen, dann merkt man, dass unsere Wohnung zwar bezahlbar, aber immer noch myanmarisch ist. Eine Bilanz ist leider, dass es hier in Yangon erst so richtig schön wird, wenn man gehörig dafür bezahlt. Schade! Warum nicht die schönsten Sachen umsonst genießen können? Warum gibt es keine schönen Parks, die Schatten spenden und in denen man sich wohl fühlt und angenehm aufhalten kann? Warum ist der Inya-See im Norden der Stadt von Hotels zugepflastert und nur an wenigen Stellen überhaupt umsonst erreichbar? Warum zahlen Ausländer 10.000 Kyat (6 Euro) Eintritt für das schönste Bauwerk der Stadt?

Ungleich

Ausländer sein habe ich selten so zu spüren bekommen wie hier in Myanmar. Die Preise sind konstant ein Vielfaches teurer. Die Preise sind auch sichtbar teurer und es wird vollkommen toleriert, dass wir Internationalen immer mehr bezahlen. Auf dem Schild steht dann: „Myanmar Citizens: 300 Kyat (20 ct), Foreigners: 10.000 Kyat (6 Euro)“ Und keinen stört’s. Für die Überfahrt zur anderen Seite des Yangon-Flusses, die 5 Minuten dauert, werden wir nicht auf das Boot der Myanmaris gelassen. Warum? „Cannot!“ – Nicht möglich. Jede Frage nach einem Warum läuft ins Leere. Wemm wir dann einen Grundkurs in Menschenrechten aus der Tasche ziehen und sagen, dass alle Menschen gleich sind, sagen sie „No, you different.“ – Du bist anders. Und je länger man fragt, desto mehr wächst das Unverständnis bei unseren Gesprächspartnern.

Erbe

Doch wo kommt es her? Woher stammt die Toleranz des Andersseins? Nach der Antwort muss man nicht lange suchen. Von 1824 bis 1948 herrschten die Briten über das einstige Burma. Sie führten bilderbuchartig vor, wie eine Zweiklassengesellschaft aussieht. (Ernüchternder) Buchtipp dazu: Tage in Burma von George Orwell. Die Briten instrumentalisierten sich als die höhere und bessere Klasse, unterwarfen das gesamte Volk und setzten allein ihre strategischen Interessen durch. Kulturelle Sensibilisierung, interkulturelle Verständigung, Länderkontextualisierung – alles nicht vorhanden. So ist es letztlich kein Wunder, dass bis heute eine tiefe Toleranz dafür besteht, dass Menschen nun einmal anders sind. Doch wie gefährlich eine derartige Intoleranz von Vielfalt ist, zeigt das (gar nicht mal so) jüngste Beispiel des Völkermords an den muslimischen Rohingya im Westen des Landes.

Nähe

Intolerant bin ich aber auch gegenüber der Taxifahrer, die mir regelmäßig morgens auf dem Weg zur Arbeit und abends auf dem Weg nach Hause begegnen. Nicht nur bezahle ich konstant das Doppelte des normalen Preises, sondern werde auch fragend angeschaut, wenn ich mich darüber beschwere. Ganz nach dem Motto „Du bist doch anders, warum wunderst du dich denn?“. Doch nicht nur das Verhältnis zu Geld ist ein anderes, sondern auch ein Verhältnis zu Nähe. Viele Passanten kommen wir so nahe, dass ich ausweichen muss, oder bleiben gar einfach auf der Straße stehen, ohne auf andere zu achten. Nicht selten rempel ich ganz ungewollt andere mit meiner Wassermelone oder Gemüsetüte an, weil sie derartig nah an mir vorbeigehen. Meist rempel ich jedoch mittlerweile Taxis oder Autos an, die mich mit ihrem Seitenspiegel touchieren oder einfach (in Schrittgeschwindigkeit) in mich reinfahren. Man stelle sich das mal vor: Ein Auto kommt, dem gerade eine menschliche Einparkhilfe den Weg aus der einfachsten Parklücke der Welt weist. Der Einparker bzw. Ausparker sieht mich kommen, schaut mir in die Augen und signalisiert einfach weiter dem Auto, dass es zufahren kann. Ich laufe weiter, schaue den Fahrer an, bin direkt vor seinem Fenster – und er fährt in mich hinein.

Raum und Zeit

In solchen Momenten weiß ich gar nicht, wie ich reagieren soll. Schreien hilft nicht – keiner versteht Englisch. Wild fuchteln bringt auch nichts – andere Körpersprache. Gegen das Auto hauen – hilft! Tut den Fahrern immerhin für ihr Auto weh. Doch was mich dann auf die Palme treibt – die Antwort der Anrempler ist immer: Lächeln.

Später Humor

So kann ich einige Dinge kaum mehr Ernst nehmen. Und weiß dennoch, dass ich in Berlin herrlich darüber lachen werde – wenn auch mit einem bisschen Restwut im Bauch. Beispiel: Von einer vollen Straße will ein Taxi über eine weitere volle Spur in eine volle Straße abbiegen. Auch ohne zu hupen beweist er größte Durchsetzungskraft. Er streckt seine Hand aus dem offenen Fenster, spreizt seine Finger in die Luft – und bahnt sich mit Vollkaracho seinen Weg zwischen den Autos hindurch. Und das sogar erfolgreich.